Matthes Lindner
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Erste Male 




Honeymoon-Phase. So wird die erste Zeit in einem fremden Land manchmal genannt. Weil alles zuerst rosiger erscheint, jede neue Entdeckung spannend und toll! Das ist auch gut so, ansonsten würde man diese ersten Tage vermutlich emotional gar nicht erst überleben. Und das trifft meine ersten paar zig Stunden hier eigentlich ziemlich auf den Kopf.

Ich wohne in Bandra, einem für seinen prozentualen Expats-Gehalt berüchtigten Stadtteil Mumbais. Bandra liegt im Westen der Stadt und sein westlichster Streifen direkt am Meer. Über einen großen Hügel, genannt Pali Hill" drängen sich Hochhausbauten portugiesischen Stils (zumindest hat man mir versichert, es sei portugiesisch), fast ebenso hohe rankenumwachsene Bäume und Palmen. Dazwischen findet man kleine einstöckige und enge Imbisse, Einkaufsläden und Cafés, schmale schattige Gassen und wendige, um die Ecken brausende Rikschas. Die terrassenförmige Hügellandschaft könnte auf einer kleinen karibischen Insel stehen und die von Sitzgelegenheiten gesäumte Promenade Venice Beach in Kalifornieren zieren.

Der Haken: Hügel und Promenade stehen in einem nur mäßig wohlhabenden Teil einer indischen Wirtschaftsmetropole, nicht im reichen Kalifornien und auch nicht in der touristischen Karibik; und das Gesicht dieser süßen Verheißungen verzerrt sich: Die schmalen Gassen sind müllüberladen, genauso wie der Felsen-"Strand" jenseits der Promenade und das Meer dahinter,  Alte und Kinder betteln auf den Straßen, magere Hunde und Katzen streifen wild und suizidal durch die Gegend, und der Verkehr in den bewohnten Teilen unterscheidet sich nur marginal von dem auf der überfüllten Ringstraße um den Bezirk.

DSC 2065 Snapseed

Doch alles was das heißt, ist, dass Bandra nach wie vor Indien ist, und ich bin eigentlich ziemlich dankbar, hier untergebracht zu sein. Den "Expatcharakter" bemerke ich als Neuling praktisch gar nicht, die Gegend ist abends vergleichsweise ruhig, es gibt ein paar gute Essensgelegenheiten um die Ecke, und eine Promenade ist immer noch besser als keine Promenade! Es ist der sanfte Einstieg in diese Metropole, deren schiere Größe ich bislang immer noch nicht begriffen habe.

Hier also erlebe ich meine indischen Ersten Male:
Die erste 30° heiße Nacht,
das erste Straßenessen und die Furcht um die Folgen,
die erste hüftgroße Fledermaus am Abendhimmel,
die erste unbekannte Frucht,
die erste kleine Echse in der Küche,
die ersten Sprachbarrieren mit dem Hausverwalter und den Sicherheitskräften,
die erste, nicht ganz so kleine Kakerlake in der Küche,
die ersten 3 Tage ohne Internet und Handynetz.

Wie gut, dass es die Honeymoon-Phase gibt!
Post date: 2016-09-06 00:18:03
Post date GMT: 2016-09-06 00:18:03

Post modified date: 2016-09-18 17:05:34
Post modified date GMT: 2016-09-18 17:05:34

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