Der Priester mit dem Kofferradio

Der Priester mit dem Kofferradio

Mit einem glücklichen Seufzer falle ich in meinen Stuhl zurück. Mein Bauch spannt angenehm unter meinem Shirt und mich überkommt die übliche post-mahlzeitliche Müdigkeit in einer angenehmen, warmen Welle der Erschöpfung. Zwei volle Portionen, bestehend zu gleichen Teilen aus Pizza Margaritha und Spaghetti Aglio e Olio nisten sich in meinem Magen ein und flüstern mir durch meine nun entspannten Nervenbahnen das Versprechen stundenlanger Hungerslosigkeit und baldiger Energiegeladenheit zu. Die Welt ist gut.

„The bill, please!“

Google Maps hat uns wieder einmal nicht enttäuscht. Es war schwer, dieses eine, gut bewertete Restaurant zu finden, das „Multicousine“ in seinem Namen verspricht, aber nach all den Tagen rein indischer Speisen unabdinglich geworden, und rückblickend nun wohl eines der dankbarsten kulinarischen Erlebnisse. Und so treten wir tiefenentspannt und satt wieder aus dem unscheinbaren Gebäude des Restaurants hinaus und in die Mittagssonne Jaipurs. Wir trotten vage in die Richtung, in der wir einen Bazar vermuten und halten immer mal wieder inne, um diese kleine Gasse zu bewundern oder jenen unscheinbaren Tempel zu bewundern. Immer wieder werden wir von den Seiten angesprochen. „Yes, sir! Have a look.“, „Come inside! Very cheap price.“, „Hello! Hi!“ Zu manchen der Grüßenden drehen wir uns lächelnd um, die meisten Feilbietenden überhören wir jedoch.

„Hello, how are you?“

Wir stehen gerade an einer Straße und versuchen uns zu entscheiden, wohin wir als nächstes gehen möchten, da werden wir abermals angesprochen. Ein älterer fast kopfhaarloser Mann mit freundlichem Gesicht und mit fallender gelber Kleidung kommt auf uns zu. In der Hand hält er ein Kofferradio, aus dem ein mir unbekanntes indisches Lied bassarm dröhnt und dabei beinahe seine Stimme übertönt. Ich drehe meinen Kopf und lächele ihm entgegen, bleibe jedoch regungslos stehen.

„Where are you from?“

„Germany.“, antworte ich.

„Oh, guten Morgen!“

Sein Akzent ist besonders fies und der Morgen schon lange vorbei, aber ich bin dennoch überrascht und zeige das auch offen.

„Woher in Deutschland?“, fragt der Mann.

„Stuttgart.“, antworte ich.

Er erzählt mir kurz, dass er auch schon einmal in Stuttgart war und wie sehr es ihm dort gefallen hat. Dann wendet er sich Yuanyuan zu und fragt sie die gleichen Fragen, allerdings auf Englisch, nicht Chinesisch.

Als er fertig ist, wendet er sich wieder an uns beide und meint „I have a small temple. Come with me, we drink some tea and I show you my music.“

Ich zögere. Mein Gefühl allgemeiner Reisevorsicht und meine Xenophobie wollen mir nicht erlauben, mit diesem fremden Mann an einen Ort zu gehen, den ich nicht einzuschätzen weiß. Ich drehe mich fragend zu Yuanyuan um, doch sie scheint halbwegs unbetroffen von diesen Sorgen, denn sie nickt mir schulterzuckend zu und setzt sich in Bewegung, um dem vorausgehenden Priester zu folgen.

Der Tempel ist ein nicht allzu großer Raum und zur Straße hin geöffnet. Aus dem hinteren Teil blickt Ganesh, der Elefantengott, uns teilnahmslos entgegen, als wir vor seinem Schrein auf dem Boden im Schneidersitz oder kniend Platz nehmen. Der Priester lehnt sich lässig sitzend gegen eine der Säulen und erzählt uns, wie schon seine Eltern diesen Schrein betrieben hätten und dass er nebenher Musik- und Kunstunterricht gäbe. Bald gesellen sich weitere Besucher zu uns und es entsteht ein kleiner Kreis aus entspannt plaudernden Menschen. Ich kann die Formalität, die dieser Ort und die immer noch sehr fremde Situation nicht wirklich abschütteln und bleibe angespannt aufmerksam, während uns Chai in die Hand gedrückt wird und wir versuchen, mit den versammelten Menschen eine Konversation zu gestalten. Es stoßen zwei besonders ausgefallen traditionell gekleidete Musiker zu uns und nur wenige Momente später zieht eine Pfeife die Runde, die, so der Priester, eine angenehme Portion Marihuana „für uns alte Männer zum Entspannen“ enthalte. Ich lehne dankend ab, doch Yuanyuan nimmt ein paar Züge und scheint mit dem Resultat offenbar zufrieden. Die Pfeife dreht eine zweite Runde.

Wir rücken auf der einen Seite des Raumes zusammen und geben den Musikern den Platz auf der anderen, als diese zu spielen beginnen. Der größere, ein glatzköpfiger, langhalsiger Mann spielt eine Art Akkordeon, der andere, langhaarig, spitzbärtig und mit einem feilschenden Lächeln auf den Lippen begleitet ihn auf einem farbig klingenden Paar kleiner Trommeln. Unser Priester, augenscheinlich nachhaltig zufrieden mit dem Rauchbaren von vorhin, klimpert auf einem Pärchen kleiner Klangschalen dazu. Während dieser Vorstellung erzählen wir dem Rest der Anwesenden von unseren Eindrücken und Plänen in Jaipur.

„You want to buy clothes?“, fällt uns ein Mann ins Wort. „I have a shop around here. Are you looking for traditional styles?”

Wir bejahen und der Mann beginnt, uns von seinem Geschäft zu erzählen. Ich ahnen schon, worauf das hinausläuft und tatsächlich lädt uns der Textilverkäufer nach langer Vorrede schließlich dazu ein, direkt „after this song” mit ihm mitzukommen, und seinen Laden zu besichtigen. Wieder meldet sich die Xenophobie, doch dieses Mal bin ich es, der Yuanyuan aufmunternd zunickt. Wir sind schon viel zu lange erfolglos auf der Suche nach indischer Kleidung für sie und mich und es schadet keinem, sich ein Geschäft nebenan anzusehen.

Das Lied endet, es wird applaudiert und wir erheben uns, nachdem wir den Segen des Priesters mit einem gelben Punkt auf der Stirn erhalten haben, zum Gehen. Draußen deutet der Verkäufer, plötzlich einen passenden Helm im Arm tragend, auf ein Paar dort wartender Motorräder, und mir wird klar, dass mein Bild eines kleinen Geschäftes „nebenan“ wohl etwas inakkurat gewesen sein könnte. Doch es ist zu spät, jetzt umzukehren. Ich setze mich hinter ihm auf das erste, Yuanyuan hinter einem anderen jungen Mann auf das zweite Motorrad und wir brausen los.

Wir fahren in der schon langsam zur Neige gehenden Mittagssonne durch die pinke Stadt und sehen wunderschön exotische Alltagsszenarien an uns vorbeirauschen. Ich kann mich allerdings nur halbherzig dafür begeistern, wird mir doch plötzlich bewusst, wie unangenehm mir diese Separierung von Yuanyuan auf verschiedene Fahrzeuge anmaßt: Sollten wir zufällig an die falsche Person geraten sein, wären wir in einem kaum zu bewältigenden Nachteil. Diese Sorge greift noch ein wenig tiefer, als wir nach fünf Minuten Fahrt auch noch die Mauern der pinken Innenstadt hinter uns lassen und immer noch kein Textilgeschäft in Sicht ist. Ich drehe mich immer wieder um, und stelle erleichtert fest, dass Yuanyuans Motorrad immer noch in unserer Nähe bleibt, als wir durch die Außenbezirke Jaipurs fahren. Ich frage, wie lange es bis zum Geschäft noch dauere und der behelmte Verkäufer meint, wir seien fast dort. Es dauert allerdings noch etwa zehn Minuten, bis das Motorrad endlich langsamer wird und schließlich am Straßenrand vor einem unscheinbaren Gebäudekomplex stehen bleibt.

Yuanyuan kommt direkt hinter uns an und wir steigen beide leicht zittrig in den Knien von unseren Gefährten. Ich fühle mich nicht mehr ganz so unwohl, wie noch auf der Fahrt, drehe mich, als wir dem Mann in einen Eingang folgen, aber dennoch zu Yuanyuan um und sage auf Chinesisch:

„Wenn du gehen möchtest, sag Bescheid, dann gehen wir sofort.“

Sie lächelt und nickt.

Der Eingang führt in eine schmucklose kleine Halle, in der nur drei lange Tische stehen. Auf den Tischen sind Stoffbahnen ausgebreitet, die von einigen Männern bearbeitet werden. Mit großen Stempels gehen sie um die Tische herum und bedrucken die einfarbigen Stoffe nach und nach mit dem vorgesehenen Muster. Meine unsicheres Bauchgefühl weicht Faszination und ich beobachte gespannt, wie einer der Männer eine gesamte indigoblaue Leiste in nur etwa einer Minute auf schneeweißen Stoff druckt, und es wie ein einziger Pinselstrich und nicht wie hundert kleine Stempeldrucke aussieht.

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Der Mann wartet geduldig, bis wir uns sattgesehen haben und fragt dann:

„May I show you guys my collection of textiles?”

“By all means.”, antworte ich.

Meine Sorgen weichen schließlich vollends der Begeisterung, als wir auf unserem Weg durch das Innere des Gebäudes an einem langen Webstuhl vorbeigehen, an dem zwei Männer in geübter Windeseile eine Teppichbahn nach der anderen durch die Fäden schlagen. Währenddessen erklärt unser Touristenführer uns in knappen Sätzen die Geschichte und Philosophie seines Betriebes.

„We create traditional textiles using traditional methods, to not let them become forgotten in modern times. This way please.“

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Die Räume, durch die er uns jetzt führt sind bis an die Decke mit Regalen voller Stoffe bestückt. Wir sind bei weitem nicht die einzigen Kunden hier, sondern treffen stattdessen auf einige weitere ausländische Gruppen. Ein Augenkontakt und ein wissendes Grinsen genügen, um uns klarzumachen, dass wir vermutlich nicht als einzige gerade eine Motorradfahrt von einem ungewöhnlichen Ort der Stadt hinter uns haben. Unser Verkäufer führt uns zu einem Sofa inmitten eines Raumes voller Teppiche und Bettlaken und bedeutet uns, Platz zu nehmen. Ein paar Momente später haben wir schon eine Tasse Chai in den Händen.

Wir geben uns beide sehr viel Mühe, den Ball flach zu halten und usn so unbeteiligt wie möglich zu geben, doch es dauert nur eine knappe halbe Stunde, bis das tapfere Schneiderlein aus mir ausbricht und ich mich nur allzu gerne zum Kauf eines maßgeschneiderten Hemdes und ein paar Meter Stoff vom Band breitschlagen lasse. Um mit dieser konsumerischen Zügellosigkeit nicht völlig alleine dazustehen, stifte ich Yuanyuan noch dazu an, sich ebenfalls die Maße für einen Rock nehmen zu lassen, bevor wir uns den tatsächlich nur moderat teuren Preis für diese Ausschweifungen von den Kreditkarten hobeln lassen und den Laden verlassen.

Beim späten Abendessen auf der Dachterrasse eines Hotels in der Nähe unserer Unterkunft lassen wir den Tag Revue passieren, denn wir können es nicht ganz glauben, dass nur etwa acht Stunden seit unserem Mittagessen vergangen sind. Es war ein Tag der besonderen und der schlussendlich guten Art, wenngleich vielleicht nicht nur besonders gut. Yuanyuan sieht das genauso, meint aber, dass sie sich in Zukunft nicht mehr so leichtfertig auf das Motorrad eines Fremden setzen möchte. Ich verstehe dieses Fazit nur zu gut, beende meine Gedanken aber auf einer positiveren Note: Alle Menschen, denen wir heute begegnet sind, haben sich als herzensgute und interessante Personen herausgestellt und es ist nur verwerflich, dass es einer bereuten, unreflektierten, blauäugigen Entscheidung bedurfte, um das herauszufinden. Ich nehme mir vor, Xenophobie und allgemeine Vorsicht in Zukunft reflektierter trennen zu wollen. Denn unser Tag hätte sich sehr viel ereignisloser gestaltet und ich wäre um sehr viele starke Eindrücke ärmer, hätte ich den wohlmeinenden Priester und sein Kofferradio vor ein paar Stunden einfach alleine am Straßenrand stehen gelassen.

 

One thought on “Der Priester mit dem Kofferradio

  1. http://www.peaceprints.ch/
    es mag verwunderlich klingen, wenn ich sage: Lea Suter an Deiner seite, Du an ihrer seite und ich meine nicht die frau, ich meine den mensch ! sie reist in diesem jahr in 12 ehemalige kriegsgebiete um zu erfahren, wie die menschen nach der verwüstung wieder ihr leben errichten; eine art friedensarbeit mit einblick in ihre kultur und deren veränderung durch brutale eingriffe.
    paß auf Dich auf !

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